Reportage

Wenn der Horizont verschwimmt

Sechs Wochen ist es her, dass ich das letzte Mal die Stadtgrenze Berlins hinter mir gelassen habe. Allerhöchste Eisenbahn, wie ich finde, endlich wieder los zu fahren. Für ein langersehntes Filmprojekt in den nächsten Monaten, möchte ich auf den Darss. Als Fotograf bin ich von Geschichten und Bildern abhängig. Der Pandemie wegen kann es nur ein Tagesausflug sein.

Alle Dinge, die ich für den Tag brauche, besorge ich in Berlin. Um 05.30 Uhr geht es mit dem Auto los. Die Tankfüllung sollte für beide Richtungen reichen. Meine Ausrüstung auf ein Minimum reduziert, bin ich bereit, einige Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Erst der Ost-, dann der Weststrand, so der Plan. Es sind, der Tageszeit geschuldet, wenige Menschen unterwegs. Die Spuren des neuerlichen Wintereinbruchs sind noch deutlich zu sehen. Der Strand ist an vielen Stellen vereist und macht ein bequemes Vorankommen unmöglich. Was soll’s, denke ich. So bleibt mehr Zeit für die Wahrnehmung der Umgebung und das eine oder andere freundliche “Guten Morgen”, welches mir auf dem Weg entgegnet wird.

 

 

Drei Dinge sind für mich am Meer essentiell. Das Zusammenspiel von Licht und Landschaft, welches sich während dieser Jahreszeit in einen immer währenden Sonnenauf- und Sonnenuntergang taucht. Die Seeluft, die heute überraschend nach Frühling riecht, obwohl es erst Februar ist. Und die grenzenlose Weite, mit Blick auf den Horizont, der das Wasser vom Himmel trennt und mir augenscheinlich die weiteste Sicht auf Dinge gewährt. Heute aber scheint alles anders.

Nach den ersten knapp 15 Kilometern und einer Begegnung mit meinem Lieblingsschauspieler aus der Serie “Weissensee”, die an eine unfassbare Zufälligkeit grenzt, wechsele ich zufrieden mit der ersten Etappe für das Filmprojekt von Ost nach West.

Die Westseite der Insel ist viel rauher. Sie unterliegt einer ständigen wetterbedingten Erosion, was das natürliche Abtragen des Strandes, und dadurch sehr viele umgefallene Bäume zur Folge hat. Ich empfinde den Ort als den schönsten Strandabschnitt Deutschlands.

Hier, an meinem für unsere Breiten vollkommenen Strand, stehen einige Fischer mit ihren Watthosen im Wasser und fischen. Einige hundert Meter dahinter ein Fischerboot, welches zu schweben scheint. Ein unfassbares Naturschauspiel, lässt mir den Atem stocken. Die Spiegelung des Wassers und die Farbe des Himmels sind so angeglichen, dass die Horizontlinie nicht mehr existiert. Der Horizont verschwindet. Und die einzige Linie auf die ich seit Stunden blicke, ist weg. Ein Bild, das sich in meinen Kopf einbrennt. Mein sonst begrenztes Großstadtdasein, erfährt immer eine Klarheit, wenn ich die Horizontlinie sehe. Aber was macht das mit mir, wenn die plötzlich auch nicht mehr da ist?

Mit den letzten Bildern, vom verschwimmenden Horizont und einem Café aus der Bialetti, im Übrigen der besten Kaffemaschine der Welt, mache ich mich wieder auf den Weg nach Berlin. Ich bin ganz bei mir, diesen Augenblick, Teil meiner Geschichte werden zu lassen. Aber erstmal denke ich darüber nach.