Raus aus dem Kopf, rein ins Bild.
Fotografische Auszeit im Norden - Editorial
- Sascha
Donnerstag. Autos kreuzen meinen Weg. Ich sitze auf dem Fahrrad und merke: Für mich ist die Ampel rot. Fast zu spät. Aber eben nur fast. Nicht gut! Echt mal wieder eine Auszeit nötig, denke ich. Ich komme vom Bäcker. Brötchen für ein leckeres Frühstück dabei. Fast wird der Deal mit der Schrippe zum Deal mit der Schippe. Ich fasse den Entschluss, rauszufahren. Irgendwohin in die Natur. Einfach Bock auf schöne Geschichten und echtes Editorial.
Die Frage nach dem Wohin? Die Daten in meinem Kopf werden zu einer achtspurigen Autobahn. Lausitz? Schöne Landschaft, kein Netz – und politisch stark aufgeladen. Andere Idee: Die Ostsee hier im Osten. Gute Idee – aber nicht frei genug. Zu viel Beton. Zu voll. Und zu viel „kleinklein“ auf engem Raum.
Die beste Idee: Dänemark. Ich spüre Weite. Nichts im Weg, keine Blockade, tolle Plätze, wunderbare Natur. Und die Dänen? Die lassen einen in Ruhe. Ich weiß, was mich erwartet. Jedenfalls denke ich das.
Freitag. 8:23 Uhr. Den Wagen meiner Frau noch schnell umparken, die Wohnung klarschiff machen – und schon sitze ich in meinem Vito, Mecki.
Mecki ist weiß und ähnelt einer Ziege oder einem Schaf – eben dem Maskottchen, das in jedem Auto irgendwie als Schutzpatron mitfährt. Mecki hat weiße Hörnchen und steht immer auf der Mittelkonsole, mit der Nase im Wind, in Fahrtrichtung. Wenn man ihn anschaut, bringt er Energie und Freude – wie der Van auch.
Die Richtung? Nordnordwest. Das Ziel: Der Norden Dänemarks. Dort herrscht eine gewisse Rauheit – aber ohne zu übertreiben. Ich finde hier immer Bilder, ohne zu viel davon zu bekommen. Hinter mir: eine Hitzewelle. Vor mir: klare, erträgliche 17 bis 18 Grad – mit Aussicht auf einen Sturm. Wird schon nicht so schlimm, denke ich.
Ich stehe auf der Düne – der Sand peitscht mir ins Gesicht. Nach Süden hin: Bunker im tosenden Meer. Nach Norden: Ein Leuchtturm, im Sandsturm kaum zu erkennen. Wow – was für ein Bild. Aber zu weit weg. Ich muss näher ran und entscheide, den Weg zu Fuß auf mich zu nehmen. Eingehüllt in Basecap, Kapuze, Brille und einem Tuch vor dem Mund. Die Menschen, die mir entgegenkommen: You have to go above. It’s a great experience. – Ja, denke ich mir. Großartig.
Ich habe meine alte A7 III dabei, mit einem 75–180er, das hier zum letzten Mal zum Einsatz kommt. Ich mache die ersten Bilder. Es klappt: Der Turm im Sandsturm. Ich verbringe 15 Minuten an dieser Stelle – bei gefühlten 100 km/h Windgeschwindigkeit lasse ich mich und meine Ausrüstung sandstrahlen, bevor ich hinaufsteige. Das Wahnsinnigste, was ich je gemacht habe. Unfassbare Kräfte herrschen dort. Fotografieren unmöglich. Aber ich habe die Bilder im Kopf.
Auf dem Weg zurück bin ich derjenige, den die Leute treffen. “Enjoy your trip”, rufe ich ihnen zu – und beginne, meine Kamera vom Sand zu befreien. Beim Abdrehen der Sonnenblende bricht das Objektiv im Tubus. Krass, denke ich. Das Objektiv ist hin. Aber besser das, als ich. Die Ampel, der Stress – alles weit weg. Am Ende war’s der Deal mit dem Wind.
Und der war’s wert.
Cheers!